Über die Alzheimer-Krankheit
Originaltext der
Alzheimer-Gesellschaft im Landkreis Ebersberg e.V.
Historie
Bereits Schriften aus der Antike
belegen eine Abnahme der Gedächtnisleistung und Verstandeskraft ohne erkennbare
Ursache bei hochbetagten Menschen.
Der französische Arzt Pinel prägt
1797 dafür den Begriff: Demenz (de = ohne, mens = Verstand)
Im Jahr 1854 benennt Rudolf Virchow
die Plaques im Gehirngewebe Amyloid (Stärkeähnliches), da sich diese
Eiweißablagerungen wie Stärke einfärben lassen.
1859: Der Chemiker Kekul, Entdecker
des Benzolringes, erkennt, dass es sich bei dem Amyloid um eine eiweißhaltige
Substanz handelt.
Um 1900 wird als Ursache für senile
Demenz normale Hirnalterung, die mit einer Schrumpfung des Gehirns und
klümpchenförmigen Gebilden im Gehirn (senilen Plaques) einhergeht, angenommen.
Der Namensgeber
1906 glaubte der Nervenarzt Alois
Alzheimer zunächst eine neue Krankheit entdeckt zu haben, als er die selben
Verfallserscheinungen jedoch in ungewöhnlich starker Ausprägung und sehr raschem
Fortschreiten bei einer 51 Jahre alten Patientin beobachtete. Bei der Obduktion
der im Alter von 56 Jahren Verstorbenen, entdeckte er neben unzähligen Plaques
auch noch Veränderungen, die bislang noch nie beschrieben worden waren:
- hoher Verlust von Nervenzellen
- Neurofibrillenbündel innerhalb vieler überlebender Zellen.
Sein Vortrag "Über eine eigenartige
Erkrankung der Hirnrinde" fand bei den Kollegen kein Interesse. Weder gab es
eine Diskussion, noch eine Kritik. Die Entdeckung passte nicht in das damalige
psychologische Weltbild, denn "Schwachsinn war eine Folge unzüchtigen
Lebenswandels".
1911: Alzheimer führte seine
Forschung fort und stellte gleichartige Gewebsveränderungen des Gehirns auch bei
Fällen von seniler Demenz fest. Er kam zu der Überzeugung, dass die senile
Demenz eine später einsetzende und langsamer verlaufende Variante der von ihm
1906 beschriebenen Krankheit ist.
Diese Auffassung hat bis heute zu der unzutreffenden Unterscheidung von seniler
und präseniler Demenz geführt. (siehe unten: a1)
Die moderne Forschung
Etwa 1980 beginnen Wissenschaftler
mit der intensiven, mikrobiologischen Erforschung der Alzheimer-Krankheit.
1985 wird die erste
Alzheimer-Sprechstunde an der Psychiatrischen Klinik der Technischen Universität
München gegründet, aus der ein Jahr später die erste Alzheimer-Gesellschaft
hervorgeht.
1986 weist Prof. Beyreuther die
Herkunft des Amyliod-Proteins als ein Bruchstück eines Rezeptormoleküls der
Zellmembran nach, das sich im Zellinnern ablagert, falls die Zellmembran
"ranzig" wird (oxydiert). Diese Entdeckung markiert den Weg einer molekular
orientierten Alzheimer-Forschung.
Genforschung und Medizin
Zwar sind die meisten Mittel in den
letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in die Krebs- und AIDS-Forschung
geflossen. Aber die Erkenntnis der Molekular- und Genforschung kommen natürlich
auch der Alzheimerforschung zu gute. Auch wenn sich viele wünschten, die Mittel
für die Alzheimerforschung wären auch nur annähernd in ähnlicher Höhe.
So sind Gene identifiziert worden,
von denen man sicher ist, dass sie mit der früheinsetzenden Variante der
Alzheimer-Krankheit zu tun haben und auch die chemischen Vorgänge werden nach
und nach entschlüsselt (Link 1). Auf Letzterem basieren die Medikamente Aricept
und Exelon, die es den Kranken ermöglichen, die weniger werdenden Nervenzellen
besser zu nutzen. Es wird der Abbau bestimmter Botenstoffe wie dem Acetylcholin,
die in verminderter Menge im Gehirn vorhanden sind, hinausgezögert (Link 2).
Aktuell
1998 wurden Forschungsergebnisse
publiziert, die im Bereich der Diagnose zu sicheren Ergebnissen führen sollen.
Bislang wird die Alzheimer-Krankheit durch eine Ausschlussdianagose
festgestellt. Wenn alle bekannten organischen Erkrankungen, die zu nachlassenden
Hirnleistungen führen, nicht zutreffen, dann ist es die Alzheimer-Krankheit. Es
wird auch bereits ein erster Test (Fa. Nymox) angeboten, der allerdings sehr
umstritten ist. 1999 stellte die irische Firma Elan Pharmaceuticals beim
Welt-Alzheimer-Kongress den Impfstoff AN-1792 vor. Bei der Behandlung von
transgenen Mäusen (Mäusen, denen mit Genmanipulation die Krankheit angezüchtet
worden ist) mit AN-1792, wurden in den Mäusegehirnen die Plaques in den
Nervenzellen aufgelöst. AN-1792 soll das Immunsystem zur Bildung von
Beta-Amyloid-Antikörpern anregen, damit die körpereigene Immunabwehr die Plaques
zu vernichtet.
Erste Versuche am Menschen hatten eine sehr gute Verträglichkeit und keine
Nebenwirkungen gezeigt. Bei den folgenden Reihenversuche, die die Wirksamkeit
nachweisen sollten, ist es hingegen in wenigen Fällen zu Nervenentzündungen
gekommen, die Elan Pharmaceuticals zur Einstellung der Tests veranlasste.
Nach Meldung im Oktober 2002 sind die Ursachen hierfür in einer zu hohen Dosis
bei fortgeschrittener Plaquebildung zu finden. Es sind neue Versuche mit
geringerer Dosierung geplant.
Bis zur Zulassung (vorausgesetzt, AN-1792 hält, was es verspricht) werden
allerdings etwa sieben Jahre vergehen. Außer, die amerikanische Zulassungbehörde
FDA (Food and Drug Administration) oder die britische sorgen für eine schnellere
Zulassung.
Die Situation
Die Anzahl der an der
Alzheimer-Krankheit leidenden Menschen in Deutschland variiert je nach Quelle
zwischen 600.000 und 1,2 Millionen. (siehe unten: a2)
Die Alzheimer-Krankheit ist keine
Seuche und darum nicht meldepflichtig, zur Diagnose siehe oben. Da nur etwa drei
Prozent der Hinterbliebenen einer Obduktion zustimmen, sind exakte Zahlen nicht
zu erhalten. Das Bundesgesundheitsministerium spricht von 700.000 Erkrankten für
Deutschland, in den USA spricht man von 1,5 Millionen Alzheimer-Kranken und es
werden für das Jahr 2020 etwa 4 Millionen prognostiziert. Auch diese Zahlen
sind Hochrechnungen und basieren nicht auf exakten, medizinischen
Untersuchungen.
Die übergroße Mehrzahl der Kranken wird zuhause von Angehörigen gepflegt, oft
länger, als es zu ertragen ist. So fordert die Krankheit auch ihren Tribut von
der Familie. Erst wenn es nicht mehr anders geht, wird ein Platz in einem
Pflegeheim gesucht. Die negativen Schlagzeilen über untragbare Zustände in
(hoffentlich) wenigen Heimen, motivieren nicht zu einem früheren Umzug. Und die
finanziellen Probleme des Gesundheitssystems sind nicht förderlich. Vielen
Alzheimer-Kranken wird eine Einstufung in der Pflegeversicherung verweigert.
Leider oft zu Recht, da der Gesetzgeber diese nicht, oder nicht ausreichend,
berücksichtigt hat.
Unsere Gesellschaft ist auf diese Situation nicht ausreichend vorbereitet.
Müssten 10 % der Zu-Hause-Gepflegten morgen ins Pflegeheime, wäre dies nicht
machbar und käme einer Katastrophe gleich.
Hinweise:
(a1) Der Absatz
Historie ist dem Text "Die
Alzheimer-Krankheit in Stichworten und weiteren Links" von Rosemarie
Drenhaus-Wagner entnommen.
(a2) "Die
Zahl der Demenzkranken lässt sich nur innerhalb breiter Grenzen beziffern, da
es keine Gesundheitsstatistik gibt, der entsprechende Daten entnommen werden
können. Die vorliegenden Kenntnisse beruhen auf den Ergebnissen von
epidemiologischen Feldstudien an Zufallsstichproben aus der Bevölkerung. Diese
Studien beschränken sich in der Regel auf eng umschriebene geographische Räume
und auf relativ kleine Stichproben von einigen hundert bis zu wenigen tausend
Personen. Die Resultate aus Einzelstudien können nicht ohne weiteres
verallgemeinert werden, da sie Zufallseinflüssen und regionalen Besonderheiten
unterliegen können und nicht zuletzt von den Untersuchungsmethoden und den
diagnostischen Kriterien geprägt sind."
"Zusammenfassend
ergibt sich daraus, dass die Gesamtzahl der Demenzkranken in der
Bundesrepublik Deutschland unter Berücksichtigung vorstehend genannter
Vorbehalte zwischen 720 000 und 850 000 liegen dürfte, wenn man nur die
mittelschweren und schweren Stadien betrachtet. Wenn man auch die leichten
Stadien einbezieht, beträgt die Gesamtzahl etwa 1,2 Millionen.
Allerdings können auch weit höhere Schätzungen von bis zu 1,5 Millionen
(inklusive leichte Demenzen) nicht mit letzter Sicherheit zurückgewiesen
werden."
"Bei der Demenz als
globale, erworbene Beeinträchtigung der höheren kortikalen Funktionen wie
Gedächtnis, Intelligenz und Persönlichkeit handelt es sich um eine Erkrankung
mit nachweisbar schweren neurobiologischen Veränderungen im Gehirn, nicht um
einen regulären, lediglich altersbedingten Abbauprozess. Der Zustand ist oft
irreversibel und fortschreitend. Er mündet während eines fünf- bis
zehnjährigen Verlaufs in Abhängigkeit und schwerste Pflegebedürftigkeit. Es
gibt mindestens 60 verschiedene Demenzerkrankungen. Üblicherweise stellt man
innerhalb der Gesamtheit der Demenzerkrankungen die primären degenerativen
Demenzen den sekundären Formen gegenüber. Während letztere Folgeerscheinungen
anderer Grunderkrankungen und somit auch besser zu behandeln oder sogar
heilbar sind, ist eine ursächliche Therapie der primären degenerativen
Demenzen noch nicht möglich. Ihr Anteil an den Gesamterkrankungen liegt jedoch
bei 90%. Neben der Demenz vom Alzheimer-Typ, die nach klinischen,
neuropathologischen und epidemiologischen Studien mit 50% bis 60% überwiegt,
folgen mit etwa 15% bis 20% Demenzen, die durch Gefäßerkrankungen bedingt sind
(vaskulärer Typ) und mit etwa 15% der gemischt vaskulär-degenerative Typ.
Zur erstgenannten
Gruppe gehören neben der Alzheimer-Erkrankung selbst noch eine Reihe anderer,
spezieller Demenzformen (die Demenz mit argyrophilen Körnchen und die Demenz
mit Lewy-Körperchen), deren Vorkommen auf etwa 20 % der zur Autopsie kommenden
Fälle mit seniler Demenz geschätzt wird. Zu den gefäßbedingten Formen zählen
die Multi-Infarkt-Demenz sowie die Demenz bei subkortikaler
mikroangiopathisch-arteriosklerotischer Encephalopathie (Morbus Binswanger).
Mit 5% bis 15% werden sekundäre Demenzformen angetroffen, die auf eine
Vielzahl unterschiedlicher Ursachen zurückgehen und unter denen quantitativ
vor allem die Parkinsondemenz und Alkoholdemenzen von Bedeutung sind."
"Die
Bundesregierung verfügt über keine statistischen Angaben, die verlässlich
Auskunft über Aufenthalts- und Wohnort von Demenzkranken geben könnten. Es
sind lediglich Schätzungen innerhalb bestimmter Grenzwerte auf der Basis von
Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen möglich."
Diese Zitate stammen aus der
Antwort der Bundesregierung vom 10. Juni 1996 auf eine Große Anfrage der
SPD-Fraktion. MdB Frau Schmidt-Zadel stellt den Text als ZIP-Archiv zum
Download
online. Erschreckend ist, dass im Ministerium die Fakten auf dem Tisch liegen,
gesetzgeberisch hingegen viel zu wenig passiert.
Quellen:
Alzheimer-Gesellschaft im Landkreis Ebersberg e.V.
Dr. med Claus Briesenick
(Vorsitzender)
Dipl.-Psych. Waltraud Graf-Kellberger (Stellv. Vorsitzende)
Dr. jur. Ulrich Bairl
Dipl.-Psych. Uta Harant-Dauer (Schriftführerin)
Thomas Pfeiffer (Kassenwart Schatzmeister)
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