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Wahlumfragen
Wie Journalisten über sie denken und wie sie auf die Wähler
wirken
Augsburger Kommunikationswissenschaftler
Frank Brettschneider
präsentiert Ergebnisse umfangreicher empirischer Analysen
Medien berichten in Deutschland immer häufiger über Wahlumfragen. Journalisten
sehen deren Vorteile, befürchten aber auch negative Konsequenzen für das
Wählerverhalten. Während der Großteil der Wähler sich nicht von Wahlumfragen
beeinflussen lässt, werden diese von der Minderheit der so genannten Taktischen
Wähler hingegen durchaus genutzt, und dies ist vor allem für die FDP und die
Grünen von Bedeutung. So fasst der Prof. Dr. Frank Brettschneider,
Kommunikationswissenschaftler an der Universität Augsburg, die Ergebnisse
umfangreicher empirischer Analysen zusammen, mit denen er drei Fragen
nachgegangen ist:
- Was denken Journalisten über Wahlumfragen?
- Wie wird über Wahlumfragen berichtet?
- Wie wirken sich Berichte über Wahlumfragen auf das
Wählerverhalten aus?
Konkret hat Brettschneider im Juli 2002 die 713 Mitglieder der
Bundespressekonferenz nach ihren Einstellungen zu Wahlumfragen befragt. Außerdem
hat er für die Bundestagswahlen seit 1980 die Medienberichterstattung in den
jeweils drei Monaten vor der Bundestagswahl einer Inhaltsanalyse unterzogen. Und
schließlich wurde ebenfalls für die Bundestagswahlen seit 1980 anhand
repräsentativer Wahlumfragen die Wirkung veröffentlichter Umfrageergebnisse auf
die Wahlbeteiligung und auf die Stimmabgabe zugunsten einer Partei untersucht.
UMFRAGEBERICHTERSTATTUNG NIMMT SPRUNGHAFT ZU
Zwischen 1980 und 1998 hat sich die Berichterstattung über
Wahlumfragen verfünffacht. Vor der Bundestagswahl 2002 wird so häufig über
Wahlumfragen berichtet wie noch nie zuvor. Wahlumfragen gehören inzwischen zum
Standardrepertoire der Medienberichterstattung über Wahlen. Wahlumfragen haben
einen hohen Nachrichtenwert - nämlich bereits vor der Wahl abschätzen zu können,
wer die Wahl gewinnen wird. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen die
"Sonntagsfrage" und die Kandidatenbeurteilungen. Das Potenzial von Umfragen,
etwas über die Motive von Wählern zu erfahren, wird hingegen selten
ausgeschöpft. Zu den methodischen Details in der Berichterstattung: Das
Umfrageinstitut wird in fast allen Artikeln bzw. Beiträgen erwähnt, der
Auftraggeber der Umfrage, die Zahl der Befragten und der Zeitpunkt der Befragung
werden in über 50 Prozent der Artikel bzw. Beiträge genannt. Den genauen
Fragewortlaut, die statistische Fehlerspanne und die Art der Befragung
(telefonisch, Face-to-Face) erfahren die Leser oder Zuschauer nur sehr selten.
Politiker versuchen, Umfrageergebnisse zu ihren Gunsten zu
instrumentalisieren: Sie verweisen zunehmend auf Umfragen, wenn sie für sie
günstig erscheinen. Sie verdammen Umfragen, wenn sie für sie ungünstig
erscheinen.
JOURNALISTEN ARBEITEN MIT UMFRAGEN, SEHEN ABER NEGATIVE
KONSEQUENZEN FÜR DAS WÄHLERVERHALTEN
Ein Drittel der Bundespressekonferenzmitglieder verwendet
Umfragen "häufig" als Zusatzinformation in der politischen Berichterstattung, 50
Prozent greifen "manchmal" auf Umfragen zurück, 22 Prozent arbeiten "selten"
oder "nie" mit Umfragen. Zwei Drittel der Bundespressekonferenzmitglieder
glauben, dass ihre Kollegen/innen der Verwendung von Umfrageergebnissen in der
Berichterstattung positiv gegenüber stehen. 55 Prozent bezeichnen Umfragen für
die Arbeit der Journalisten als "hilfreich". 70 Prozent sind überzeugt davon,
dass man mit Hilfe von Umfragen die Einstellungen der Bevölkerung zu politischen
Themen, zu Parteien und zu Politikern messen kann.
Allerdings glauben auch 83 Prozent der
Bundespressekonferenzmitglieder, dass sich die Veröffentlichung von
Umfrageergebnissen auf das Wählerverhalten auswirkt. Davon halten 42 Prozent
diesen Einfluss für "negativ", nur elf Prozent finden ihn "positiv". Diejenigen,
die den Einfluss als "negativ" empfinden, sprechen sich zu 94 Prozent für ein
Veröffentlichungsverbot in der letzten Woche vor der Wahl aus. Zudem sind
insgesamt 20 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder der Meinung, dass
Umfrageinstitute häufiger ihre Ergebnisse manipulieren, um ihrem Auftraggeber
Vorteile zu verschaffen. 63 Prozent sagen, dies komme vor, sei aber die
Ausnahme. Allerdings wird hier zwischen den Instituten unterschieden.
WAHLUMFRAGEN WERDEN FAST VON ALLEN WÄHLERN WAHRGENOMMEN,
STOßEN ABER VOR ALLEM BEI POLITISCH INTERESSIERTEN MENSCHEN AUF INTERESSE
Mit der zunehmenden Berichterstattung über Wahlumfragen wächst
auch der Anteil der Bevölkerung, der Umfrageergebnisse vor Wahlen wahrnimmt.
Zwischen 1957 und 1983 hat sich dieser Anteil vervielfacht: von 17 auf 72
Prozent. Seitdem liegt er konstant bei etwa 70 Prozent.
Im Frühjahr 2002 gaben 40 Prozent der Wahlberechtigten an,
dass sie sich "stark" für Umfrageergebnisse interessieren, 52 Prozent "mittel"
und sieben Prozent "gar nicht". Starkes Interesse findet sich vor allem unter
den "Campaign-Junkies". Diese nehmen alle Informationen über den Wahlkampf auf,
die ihnen zur Verfügung stehen. Sie sind politisch sehr interessiert und gehören
zu den formal besser Gebildeten. Vor allem aber handelt es sich bei ihnen um
Personen mit überdurchschnittlich ausgeprägter Parteiidentifikation, mithin um
Individuen, die aufgrund ihrer verhältnismäßig festen Bindung an eine Partei
kaum für Manipulationen durch Umfragen anfällig sind.
AUSWIRKUNGEN AUF WAHLBETEILIGUNG NICHT NACHGEWIESEN
Die von Politikern, Journalisten und auch Wissenschaftlern
geäußerten Wirkungsvermutungen lassen sich in zwei große Gruppen unterteilen:
vermutete Umfrageeffekte auf die Wahlbeteiligung und vermutete Umfrageeffekte
auf die Stimmabgabe für eine bestimmte Partei. Folgende Auswirkungen
veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wahlbeteiligung werden vermutet:
- Mobilisierungseffekt: Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit
ungewissem Wahlausgang werden die Wahlberechtigten zur Teilnahme an der Wahl
angespornt, weil ihre einzelne Stimme ausschlaggebend sein könnte. Die
mobilisierende Wirkung der Umfrageberichterstattung beträfe aber die Anhänger
aller Parteien und würde sich daher nicht auf den Wahlausgang auswirken.
- Defätismuseffekt: Scheint der Wahlausgang bereits
festzustehen, bleiben die Anhänger des vermeintlichen Wahlverlierers der Wahl
fern, weil ihre Niederlage ohnehin schon feststeht. Frustration macht sich
breit.
- Lethargieeffekt: Scheint der Wahlausgang bereits
festzustehen, bleiben die Anhänger des vermeintlichen Wahlsiegers der Wahl
fern, weil ihr Wahlerfolg ohnehin schon feststeht. Trägheit macht sich breit.
- Bequemlichkeitseffekt: Scheint der Wahlausgang bereits
festzustehen, bleiben die noch unentschlossenen Wahlberechtigten der Wahl
fern, weil ihre Stimme keinen Einfluss mehr hat. Der mangelnde Nutzen
rechtfertigt ihre Informations- und Handlungskosten nicht.
In den drei zuletzt genannten Fällen dürfte die
Wahlbeteiligung geringer sein, als es ohne Bekanntgabe von Umfrageergebnissen
der Fall wäre.
Diese Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung wurden bislang
weder in Deutschland noch in den USA - wo sie umfangreicher und besser
untersucht wurden - nachgewiesen.
GROSSTEIL DER WÄHLER LÄSST SICH NICHT VON UMFRAGEN BEEINFLUSSEN
Zu den Auswirkungen auf die Stimmabgabe werden zwei
Vermutungen angestellt:
- Bandwagon- bzw. Mitläufereffekt: Die Wähler wollen auf der
Siegerseite stehen und entscheiden sich daher für die in Umfragen führende
Partei bzw. den führenden Kandidaten.
- Underdog- bzw. Mitleidseffekt: Die Wähler schlagen sich auf
die Seite der in Umfragen zurückliegenden Partei bzw. des zurückliegenden
Kandidaten.
Auch diese Effekte lassen sich weder in Deutschland noch in
den USA nachweisen.
TAKTISCHE WÄHLER NUTZEN WAHLUMFRAGEN - WICHTIG FÜR FDP UND
GRÜNE
Nach den Bundestagswahlen 1983, 1987 und 1994 gaben ein
Viertel bis ein Drittel derjenigen Wähler, die Wahlumfragen wahrgenommen hatten,
an, diese hätten für ihre Stimmabgabe eine Rolle gespielt. Und nach der
Bundestagswahl 1990 sagten 14 Prozent der Wähler, die Umfrageergebnisse
wahrgenommen hatten, sie seien durch diese beeinflusst worden. Die Wirkungen
ergeben sich aus dem Verhältniswahlrecht und der Fünf-Prozent-Klausel und
betreffen eher die Wähler der kleinen Parteien sowie einige Wähler ihrer
potentiellen Koalitionspartner. Zwei Annahmen werden diskutiert:
- Fallbeileffekt: Eine Person wählt die von ihr präferierte
Partei nur dann, wenn sie Chancen auf den Einzug in den Deutschen Bundestag hat.
Hat sie dagegen keine Aussicht auf Erfolg, wäre ihre Stimme "verloren", d.h. sie
bliebe bei der Mandatsverteilung im Bundestag unberücksichtigt. Möglicherweise
scheitert also eine Partei an der Fünf-Prozent-Hürde, weil ihre potentiellen
Wähler aufgrund von Meinungsumfragen annehmen, sie würde den Einzug in den
Bundestag nicht schaffen. Wenn Umfragen hingegen einen wahrscheinlichen Erfolg
anzeigen, erhielte sie tatsächlich mehr als fünf Prozent der Stimmen.
- Koalitionswählen und "Leihstimmen"-Effekt: Auch beim
taktischen oder Koalitionswählen erhält eine andere als die erstpräferierte
Partei die Stimme. Beispielsweise können sich Anhänger einer Volkspartei für den
kleineren Koalitionspartner entscheiden, damit dieser die Fünf-Prozent-Hürde
nimmt und eine Mehrheit für die gewünschte Koalition zustande kommt. Bei den
Bundestagswahlen 1983 und 1994 wurde dieses Verhalten als "Leihstimmen"-Wählen
bezeichnet: CDU-Anhänger haben die FDP gewählt, um deren Einzug in den Bundestag
und damit eine Fortsetzung der Koalition sicherzustellen.
Tatsächlich haben Umfrageergebnisse vor allem bei den
Bundestagswahlen 1983 und 1994, als der Einzug der Freidemokraten eher als
ungewiss galt, für die FDP-Wähler eine besondere Rolle gespielt. Etwa die Hälfte
der FDP-Wähler, die Umfragen wahrgenommen hatten, ließ sich durch diese auch
beeinflussen. Auch für die Unions-Wähler waren sie von gewisser Bedeutung, was
vermuten lässt, dass einige von ihnen taktisch wählten.
Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft
KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
Prof. Dr. Frank Brettschneider
Universität Augsburg
Kommunikationswissenschaft
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-5665
E-Mail: brettschneider@web.de
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